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Du bist niemals in Sicherheit und deswegen bist du frei

Du bist niemals in Sicherheit und deswegen bist du frei

Es ist so ein paradoxes Ding in unserer Gesellschaft: Gerade wir, die wir an einem der ungefährlichsten, wohlhabendsten und gerechtesten Orte der Welt leben (ist so!), sind vollkommen besessen von Sicherheit und ergreifen die verrücktesten Maßnahmen, um uns sicher zu fühlen. Und verlieren dabei alles ohne es zu merken.

Ich weiß es noch, als wäre es gestern. Gerade das Abi in der Tasche saßen wir auf der Terrasse bei meinen Eltern. Es war ein warmer Frühlingstag und es gab Kaffee. Zwischen uns schwitzte ein Erdbeerkuchen in der Sonne und ich – im Schneidersitz auf meinem Stuhl – kam innerlich ins Schwitzen. Man hatte mir mal wieder die Frage gestellt, die seit einigen Monaten die einzige zu sein schien, die von Interesse war: „Und wie geht es jetzt weiter?“

Ich kannte den Ablauf des Stückes bereits.

Ich antwortete wahrheitsgemäß, ich würde Germanistik studieren.

Und wie so oft, machte man mir klar, dass das eine üble Idee sei. Diesmal mit aller Härte.

„Da wirst du arbeitslos. Das kann ich dir jetzt schon sagen. Das ist Zeitverschwendung. Was Unsichereres gibt es gar nicht! Geisteswissenschaften!“

Irgendwann ging ich einfach. Weinend. Verzweifelt.

Alles, was ich wollte, konnte und mochte, war offenbar unsicher. Aber das mit Sicherheit.

Aber alles, was angeblich vernünftig, solide und sicher war (O-Ton meine Großeltern: „Physiklehrer werden gerade gesucht!“), schnürte mir förmlich die Kehle zu.

Wie sicher ist sicher?

Die Lebensentwürfe, zu denen man mir riet, hatten verschiedene Dinge gemeinsam:

  1. Ich würde damit angeblich viel Geld verdienen
  2. Es würde genug freie Stellen geben, sprich: Diese Jobs waren gerade „gesucht“
  3. Daraus ergab sich: Ich würde eine feste Position innehaben bis zur Rente

Eine Weile lang bemühte ich mich nach Kräften, einen Kompromiss zwischen dem, was ich wollte, konnte und mochte und dem was vernünftig, solide und sicher war, zu finden. Aber es gab keinen. Zumindest keinen, der sich richtig anfühlte.

Denn die Konsequenzen waren stets:

  1. Ich würde eine Beschäftigung ausführen müssen, die mir nicht lag und mich nicht interessierte
  2. Ich würde sehr viel Zeit mit einer Beschäftigung verbringen, die mir nicht lag und die mich nicht interessierte
  3. Ich fürchtete mich davor, irgendwann festzustellen, dass ich mein Leben vergeudet hatte

Je mehr man mir von „Sicherheit“ erzählte, desto beklemmender wurde mir zumute. Diese Sicherheit klang nach Langeweile, Kreativitätslosigkeit und nach Gefängnis.

Letztendlich studierte ich doch Germanistik und fand auch einen Job. Ich bin nicht reich, der Arbeitsmarkt ist überlaufen und ob ich bis zur Rente in diesem Job bleiben werde, steht in den Sternen. Aber ich bereue – bisher – nichts. Das ist ein gutes Gefühl. Und ich glaube fest daran, dass sich das Leben fügt, während wir unseren Weg gehen.

Das Leben geht vorwärts, egal, wie wir uns warum entscheiden. Es passiert immer irgendetwas. Irgendwie geht es weiter. Egal, ob wir unseren Job verlieren oder Geld oder sonst etwas. Es wird sich keine Falltür unter unseren Füßen auftun und uns verschlingen, wenn das passiert, sondern das Leben läuft weiter und irgendetwas kommt immer als nächstes.

Wir haben immer nur den Moment, in dem wir gerade leben. Nur der ist uns wirklich sicher. Wir können nichts festhalten. Unser Leben tickt mit jeder Sekunde weiter. Wir wissen nicht, wie viele Sekunden wir haben werden. Es werden jedoch nicht mehr, nur weil wir einen vernünftigen Job haben oder viel Geld verdienen. Die Zeit, die wir haben, bleibt immer gleich lang.

Die einzige Entscheidung, die wir wirklich haben, ist, wie wir diese Zeit füllen möchten.

Was hinter unserem Bedürfnis nach Sicherheit wirklich steckt

Letztendlich hätte ich auch als Physik-Lehrerin scheitern können (wenn man mal annimmt, dass ich das Studium irgendwie hätte schaffen können). Vielleicht hätte es plötzlich doch eine Flut von Physik-Lehrern gegeben, weil alle Abiturienten von ihren Großeltern den gleichen Rat bekommen haben und alle auf ihre Großeltern gehört haben.

Was ich damit sagen will: Es gibt so viele Möglichkeiten wie und warum etwas schief gehen kann, dass es eigentlich nichts anderes als vermessen ist, in irgendeinem Zusammenhang von Sicherheit zu reden.

Aber wir lechzen danach. Nach ein bisschen Kontrolle in dieser total chaotischen Welt, in der Dir jederzeit alles mögliche passieren kann, womit Du überhaupt nicht rechnest. Die Versicherungsindustrie verdient sich mit dieser unserer Sehnsucht eine güldene Nase.

Wir trachten nach Dingen, die Vorhersagbar sind. Scheinen.

Physik-Lehrer sind gesucht, die Gehaltsspannen sind bekannt – das ist was Solides. Da weiß man gleich, das ganze Leben ist geritzt. Man kann sich zurücklehnen und sich entspannt bis zur Rente durchlangweilen (Sorry, liebe Physiklehrer, das ist nix Persönliches, ich schwör!).

Und was ist dann?

Alt sind wir dann sowieso, egal, ob wir unser Arbeitsleben als Physiklehrerin oder freie (Lebens)Künstlerin verbracht haben. Als Physiklehrerin mussten wir vielleicht weniger Diskussionen führen, weil die Gesellschaft da ihr „Ist was Vernünftiges“-Etikett drauf geklebt hat. Das ist am Ende aber auch nix anderes wie das Fleißsternchen in der Grundschule. Eine hohle Auszeichnung, die uns nicht weiter bringt, für die wir uns auch nix kaufen können und die uns einfach nur das Gefühl geben soll, dass wir was richtig gemacht haben – nach Meinung von jemand anderem.

Ich will keine Fleißsternchen mehr!

Warum hätte „die Gesellschaft“ das denn eigentlich gut gefunden, wenn aus mir eine untalentierte, unmotivierte und schlechte Physik-Lehrerin geworden wäre? Weil Physik-Lehrer händeringend gesucht wurden und ein schlechter Lehrer besser ist als gar keiner?

Ich wage es zu bezweifeln.

Vielleicht ist es deshalb, weil es so wohltuend ist, wenn die ganze Herde dem gleichen Weg folgt. Wenn alle solide, feste, gut bezahlte Jobs haben, dann bleibt alles schön so wie es ist. Alle sind nicht so glücklich, das man neidisch werden müsste, jeder hat ein bisschen was zu leiden. Arbeit soll ja schließlich keinen Spaß machen (O-Ton: „Ich muss ja schließlich auch malochen für mein Geld“) und wenns keinem besser geht als mir, kann ich ja selber auch nicht so viel falsch gemacht haben.

Und sicher gibts auch die, die es gut meinen. Eltern möchten keine unvorhersehbaren Gefahren fürchten müssen, wenn sie ihre Kinder ins vermeintliche Erwachsenenleben entlassen. In soliden Jobs mit solidem Gehalt – da kann nicht so viel schief gehen. Da reichts dann immer noch für dein Dach über dem Kopf und einer ausgewogenen Mahlzeit auf dem Tisch – Überleben gesichert!

Ich will aber leben anstatt nur zu überleben. Ich will nicht der Herde den ausgetretenen Pfad entlang folgen, sondern nach links und rechts schauen und meinen eigenen Weg finden. Ich will nicht fragen, was das einfachste ist. Ich will mein Herz fragen dürfen, was es will und genau das auch tun. Ich will nicht mit Dir diskutieren. Ich will mich mit Dir freuen. Ich will nichts Solides. Ich will wachsen. Ich will keine Sicherheit. Ich will selbst sehen, was geht und was passiert, wenn ich tue, was ich für richtig halte. Ich will keine Fleißsternchen. Ich will Geschichten. Geschichten, die ich grinsend weiter erzähle, wenn die Schule irgendwann schon lange aus ist und an die ich mich noch erinnere, wenn alle anderen Erinnerungen verblassen.

Die einzige Sicherheit, die wir haben, ist die Zeit, in der wir leben. Eine gewisse Zeitspanne, lang oder kurz, nicht mal das wissen wir. Nichts sonst.

Und wenn es keine Sicherheit gibt, dann gibt es auch nichts, was wir festhalten müssen.

Deswegen sind wir frei.

Denn am Ende bleiben uns nur Momente, an die wir uns erinnern.

Momente, in denen wir hoffentlich gelebt haben und die angefüllt waren mit Dingen, die wir liebten.

Die nimmt uns keiner mehr.

Das – und nur das – ist sicher.



2 thoughts on “Du bist niemals in Sicherheit und deswegen bist du frei”

  • Der Artikel ist so toll! So guuut ist der Teil mit der Flut von Physiklehrern, weil alle Großeltern dazu geraten haben. 🙂 So hab ich das auch noch nicht gesehen! Mathelehrer werden auch immer gesucht. Das ist schön für die Mathelehrer.
    Voll schöne Impulse!

    Liebe Grüße und eine tolle Woche
    Lisa

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