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Loslassen bedeutet fliegen lernen

Loslassen bedeutet fliegen lernen

Wenn mich jemand fragen würde, was mich dazu gebracht hat, diesen Blog zu schreiben, dann wäre meine Antwort: Die Angst.

Irgendwo zwischen 17 und 18 kurz vor „endlich offiziell erwachsen“ radelte ich auf einem Spinning-Rad als mir plötzlich schwindelig und übel wurde und mein Herz zu rasen anfing als würde es gleich explodieren. Das war meine erste Panikattacke. Der Auftakt meiner Angststörung und der Moment, als meine Welt sich plötzlich anders drehte als vorher.

 

What, if I fall? …

Was mir zugestoßen ist, ist nichts besonderes. Irgendwann so zwischen 12 und 13 Jahren, wenn die Pubertät so langsam anläuft, man vielleicht das erste Mal Händchen gehalten hat, sich so langsam an BHs und Tampons und dieses ganze Frausein gewöhnen muss und sich anfängt zu fragen, wer man eigentlich ist, habe ich Bekanntschaft mit Mobbing gemacht. Noch bevor ich selber die Frage beantworten konnte, wer ich eigentlich bin und sein möchte, sagten mir das andere. Ihre Antwort lautete im Grunde: Ich bin hässlich. Dann sieht man sich im Spiegel an, schaut zum ersten Mal so richtig hin, sieht sich durch die Augen dieser anderen und denkt sich, wenn die alle derselben Meinung sind, muss es wohl stimmen. Und man erstickt an der Frage „Warum?“.

Während andere Mädchen erste Erfahrungen mit Jungs sammelten, zog ich mich zurück. Ein Tag ohne eine abwertende Bemerkung über mich, war ein guter Tag. Ich fieberte den Wochenenden und Schulferien entgegen, wenn ich mich endlich wieder in meinem Zimmer lebendig begraben konnte. Ich war auch verliebt, behielt es aber immer für mich. Ich war mir sicher, dass ich mich von der (vermeintlich unvermeidlichen) Abfuhr niemals erholen würde. Ich hatte nie einen Freund. „Warum will dich nur keiner?“ sagte damals eine vermeintliche Freundin zu mir und erwartete tatsächlich eine Antwort. Ich hatte mich nie wertloser gefühlt als in diesem Augenblick.

 … Oh, but my darling …

Irgendwann wollte mich doch einer. Ich stürzte mich in diese Beziehung wie in einen Rettungsring. Dachte, eine Beziehung zu haben, würde mich aufwerten, den anderen beweisen, dass mich eben doch wer wollte. Es hat aber eigentlich niemanden interessiert. Und auch für mich ging es in dieser Beziehung weiter abwärts in der Abwertungsspirale. Letztendlich behandelte er mich genau so, wie ich mich selbst: Als wäre ich nichts wert. Ein Jahr lang ließ ich ihn auf meinem Körper und meiner Seele herumtrampeln. Und dann nicht mehr.

Es war kein besonderer Abend. Wir telefonierten und er warf mir wieder einmal irgendwas vor. Plötzlich hörte ich mich sagen: „Ich mache Schluss.“ Die Worte waren einfach so aus mir herausgebrochen, es war ein Reflex. Ich hatte schon öfter versucht Schluss zu machen, aber diesmal fühlte ich es auch: Es war wirklich vorbei.

Aber eigentlich war das nur der Anfang.

Kurz darauf wurde ich 18 Jahre alt und bekam meine erste Panikattacke. Statt meine neue erwachsene Freiheit auszuleben, in Clubs durchzufeiern, Alkohol zu trinken, mit dem Auto einen Roadtrip zu starten oder alleine in Urlaub zu fliegen, verkroch ich mich erneut in meinem Zimmer, wo es vermeintlich „sicher“ war. Diesmal fürchtete ich nicht, einen blöden Kommentar über meine Hässlichkeit zu ernten, sondern ich hatte schlichte Todesangst. Angst vor allem, was „da draußen“ lauerte.  Aber die Angst machte auch vor den vier Wänden meines Zimmers nicht Halt. Sie legte sich zu mir ins Bett, schlich sich bis in meine Träume, beherrschte meine Gedanken. Wenn ich die Zeit hätte anhalten können, hätte ich es getan. Denn jede neue Sekunde war unberechenbar und unsicher. Ich wollte nicht erwachsen sein, konnte mir nicht vorstellen auf eigenen Füßen zu stehen, dachte, es brächte mich um. Und wenn ich nicht sterben würde, dann würde ich doch zumindest scheitern. Aber die Zeit blieb nicht stehen. Und ich auch nicht.

… What if you fly?

Es waren Babyschritte am Anfang. Ein Kleid statt meiner ewigen Schau-mich-nicht-an-Uniform bestehend aus Jeans und Oversize-Pulli. Eine Einladung zu einem Spielabend oder ins Kino von Schulkameraden, mit denen ich noch gar nicht so viel zu tun hatte. Ein Zurücklächeln im Club.

Die Angst blieb auch weiterhin meine Begleiterin. Mal traute ich mich etwas, mal warf mich die Angst wieder ein Stück zurück. Aber jedes Stückchen Leben, das ich mir zurückeroberte, war ein Gewinn. Ganz allmählich sickerte der Gedanke – oder vielmehr die Ahnung des Gedankens – in mein Hirn, dass es keine Sicherheit gab außerhalb von mir selbst. Ja, das Leben war unsicher und gefährlich und irgendwann würde ich tatsächlich sterben, auch wenn ich mich bis zu diesem Zeitpunkt in meinem Kinderzimmer verkroch. Aber vorher wollte ich dann doch leben.

Ein Vogel weiß nicht, ob er fliegen kann, bevor er sich nicht traut aus dem Nest zu springen. Ich glaube, bei uns Menschen ist es genau so. Wir müssen nicht aus dem Nest springen, wenn wir nicht wollen. Aber ich glaube, wir verpassen etwas, wenn wir es nicht tun. In meinem Lieblingsmusical „Wicked“ (ich bin im übrigen ein großer Musical-Fan) heißt es:

Leben heißt, zu lernen wie man fliegt.

Ich glaube, dass das stimmt. Für jeden von uns sind die Bedingungen anders und schon gar nicht immer ideal. Und wir bewegen uns auch sicher nicht alle gleich fort (oder um bei der Flugmetapher zu bleiben: haben nicht den gleichen Flugstil). Genauso wenig haben wir alle das gleiche Ziel. Aber ich bin sicher, wir alle können fliegen. Wenn wir uns trauen, loszulassen, anstatt uns festzukrallen an Dingen, Menschen, Zeiten und Einstellungen, die uns doch letztendlich alle durch die Finger rinnen.

Wie du das fliegen lernst …

In „Peter Pan“ heißt es, man braucht nur einen wunderbaren Gedanken und etwas Feenstaub – dann kann man fliegen. Ich weiß nicht, wo es in den heutigen Zeiten noch Feenstaub gibt, aber das mit dem wunderbaren Gedanken klingt gut. Ein wunderbarer Gedanke wie die Antwort auf die Frage „Wofür schlägt mein Herz?“, „Was will ich wirklich?“, „Wer will ich sein?“. Und dann loslassen, springen und schauen, was das Leben daraus macht.

 

Wir sind niemals völlig sicher. Das ist eine harte Lektion, vor allem für Menschen, die sich mit einer Angststörung herumschlagen. Es ist aber auch ein Geschenk. Wenn wir nie völlig sicher sein können, dann können wir genauso gut mutig sein.

Unsere Tage gehen vorbei – das wird sowieso passieren.

Bis dahin sind wir frei.

Und es gibt nichts zu verlieren.

(Julia Engelmann)

Dazu gehört ein bisschen Mut, ein bisschen Zuversicht, ein bisschen Liebe und ein kleiner Schritt in die Richtung, die das Herz einem zeigt.

Und dann noch einer.

Mein erster Schritt in diese Richtung ist dieser Blog.


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