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Schluss mit Schämen – Wie Du durch „De-Shaming“ über Dich hinauswächst

Schluss mit Schämen – Wie Du durch „De-Shaming“ über Dich hinauswächst

Kaum ein Gefühl ist so zermürbend wie die Scham. Wenn wir uns für etwas schämen, geht uns das durch Mark und Bein. Wir knicken zusammen wie ein Gänseblümchen unter einem Schuh und würden uns am liebsten auflösen. So peinlich! Aber genau hier steckt verdammt großes Potenzial. Durchbrichst Du die Scham, wächst Du über Dich hinaus.

Ich erinnere mich noch an eine Szene im Garten bei meinen Großeltern. Es war Sommer und es war schweißtreibend heiß und ich war etwa 12 Jahre alt. Mein kleiner Bruder und meine Nachcousine – beide etwa 9 Jahre alt – planschten nackt im Planschbecken und sprangen durch den Rasensprenger. Ich weiß noch wie neidisch ich war. Mir war so heiß, dass ich mir am liebsten auch alles ausgezogen hätte. Aber gewisse inzwischen zweifellos vorhandene eindeutig weibliche Attribute hielten mich davon ab. Meine Oma war trotzdem nicht ganz sicher, ob dieses Geplantsche der beiden angemessen war, sie machte irgendeine Bemerkung in diese Richtung. Und die Mutter meiner Nachcousine antwortete: „Ach, solang sie noch kein Schamgefühl haben … was soll’s.“

Da fragte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben, wo dieses Schamgefühl her kam und wofür es gut war. Mein Schamgefühl hatte ich offenbar schon „bekommen“ – immerhin hielt es mich davon ab, mir die Kleider auszuziehen und mit meinem Bruder ins Plantschbecken zu hüpfen, obwohl es brütend heiß war. Ich hatte aber nicht darum gebeten und hätte es am liebsten wieder abgegeben, wenn das möglich gewesen wäre.

Wo kommt dieses Schamgefühl eigentlich her?

Wir werden ganz offensichtlich nicht mit Schamgefühl geboren. Kindern ist es herzlich egal, was sie tun oder was jemand anders davon halten könnte. Was sie anhaben und ob überhaupt irgendwas. Und wenn wir nicht uns-schämend zur Welt kommen, dann muss Scham offensichtlich etwas sein, was wir uns aneignen oder was uns anerzogen wird. Ganz sicher also ist Scham etwas Konstruiertes. Und etwas, das mit der Gesellschaft zu tun hat, denn beim Schämen geht es nie nur um uns, sondern stets um uns in Bezug auf die anderen.

Laut der allseits anerkannten Quelle Wikipedia ist Scham

ein Gefühl der Verlegenheit oder der Bloßstellung, das durch Verletzung der Intimsphäre auftreten kann oder auf dem Bewusstsein beruhen kann, durch unehrenhafte, unanständige oder erfolglose Handlungen sozialen Erwartungen oder Normen nicht entsprochen zu haben.

Und da haben wir es: Soziale Erwartungen und Normen.

Im Laufe unserer Erziehung und Sozialisation erfahren wir peu à peu, welche Normen es gibt und an welche gesellschaftlichen Erwartungen wir uns halten müssen, um nicht entsprechend „sanktioniert“ zu werden. Das Mittel unserer Eltern für Fehlverhalten mag Taschengeld und Hausarrest sein. Die Gesellschaft sanktioniert uns dadurch, dass wir uns schämen müssen. Und das geschieht auf ziemlich perfide Weise.

Es ist nicht so wie bei Game of Thrones. Uns jagt keine Septa mit Glocke „Shame!“ rufend nackt durch die Straßen, weil wir trotz unübersehbar vorhandener weibliche Attribute kleiderlos ins Plantschbecken hüpfen.

 

Wir schämen uns ganz von allein. Das bedeutet erschreckenderweise: Die Gesellschaft muss überhaupt nicht von außen auf uns einwirken. Septa Unella ist in uns selbst bereits drin. Sie geht in unseren Köpfen längst auf und ab und schwingt die Glocke bis uns die Ohren scheppern immer dann, wenn es wieder mal Zeit ist, uns zu schämen.

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Warum Scham schlecht für uns ist

Du magst vielleicht denken, dass es schon richtig ist, dass man sich für manche Dinge schämen sollte. Wenn wir als Kinder einem anderen Kind ins Gesicht schlagen und dafür ausgeschimpft werden, dann hat das möglicherweise seine Berechtigung. Es ist durchaus zu begrüßen, dass wir auch als Erwachsene nicht einfach jedem aus heiterem Himmel eine Ohrfeige verpassen dürfen. Oder dass wir nicht nehmen, was uns nicht gehört. Dass wir nicht einfach drauf los beleidigen, weil uns grad danach ist. Gesellschaftliche Normen haben schon ihren Sinn – zumindest da, wo es darum geht, die Würde, Selbstbestimmung und Unversehrtheit aller zu schützen. Leider macht die Gesellschaft jedoch dort noch nicht Halt.

Manchmal werden Dinge zu einer (scheinbaren) gesellschaftlichen Norm, weil die Mehrheit der in einer Gesellschaft Lebenden so ist, so denkt oder etwas so macht. Da wäre etwa der „Standard“-Lebenslauf: Hetero, prestigeträchtiger/vernünftiger/einträglicher Job, verheiratet, Kinder, geistig gesund. Eventuell Eigenheim. Eventuell religiös.

Je konservativer das Umfeld, in dem man sich bewegt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit dafür mit Scham „geahndet“ zu werden, wenn man einen dieser Punkte nicht erfüllt.

Ich für meinen Teil bin in einer dörflichen Umgebung aufgewachsen (ohne das Klischee der rückständigen Dörfler absichtlich bedienen zu wollen). Ich habe mitbekommen, wie Eltern verzweifelt waren, weil sich andeutete, ihr Kind könnte homosexuell sein. Ich habe gehört, wie über Menschen mit psychischen Krankheiten, besonders die in stationärer Behandlung, hin und her geflüstert wurde. Gebräuchlich war z.B. der Ausdruck „Frau/Herr X/Y hat es an den Nerven“.

Ich selbst habe mich im Laufe meiner Pubertät und teilweise auch darüber hinaus dafür geschämt, nie einen Freund präsentieren zu können. Während meine Freundinnen ab und zu feste Freunde hatten, ging ich irgendwie immer leer aus. Ich hatte im Laufe der Jahre viele Begründungen dafür. Sie alle liefen darauf hinaus, dass ich persönlich einfach aus verschiedenen Gründen ungenügend war. Zu hässlich, zu schüchtern, zu langweilig. Mein Fehler auf jeden Fall. Das war mir peinlich. Dafür habe ich mich geschämt.

Die Scham-Abwärtsspirale

Natürlich wollte ich diesen Mangel beheben. Ich hätte meine beiden Daumen dafür hergegeben, um nur endlich auch einen Freund zu haben. Letztendlich waren meine Bemühungen von Erfolg gekrönt – kein Wunder. Mir war ja längst egal, wer mit mir zusammen war, Hauptsache irgendjemand. Hauptsache sich nicht mehr dafür schämen müssen, dass einen niemand will.

Ich geriet an einen Typen, der mich behandelte wie Dreck. Das blieb meinem Umfeld natürlich auch nicht verborgen. Und ich begann mich dafür zu schämen, dass ich einen Freund hatte, der mich wie Dreck behandelte.

Und wenn ihr euch eine Art „Scham-Mindmap“ vor Augen führt, bei dem jeder Ast für einen Grund steht, sich zu schämen, dann wäre das mit dem Freund oder Nicht-Freund bei mir lediglich ein Ästchen von Unzähligen gewesen. Je unsicherer ich war und wurde, desto mehr Scham-Äste kamen dazu.

Ich habe mich dafür geschämt, gute Noten zu bekommen (Streber-Alarm). Ich habe mich dafür geschämt, dass meine Eltern keine teuren Autos fuhren. Ich habe mich dafür geschämt, dass meine Haare lockig waren. Ich habe mich für meine Zahnlücke geschämt und dafür, nicht so selbstbewusst zu sein wie die anderen. Und als diese ganzen unzähligen „Ich bin nicht gut genug“-Schamquellen schlussendlich in eine Angststörung mündeten, da schämte ich mich natürlich für die Angststörung. An all diesen „Schäm-Quellen“ arbeitete ich hartnäckig. Und vergeblich.

Es war als würde ich wie eine Verrückte Unkraut rupfen, das so schnell wieder nachwuchs, dass das Beet niemals ganz davon frei war. Eine Zeit lang lernte ich einfach nicht mehr – meine Noten wurden schlechter (besonders in Mathe). Nun schämte ich mich nicht mehr dafür, eine Streberin zu sein. Aber sehr wohl deswegen, weil mein Mathe-Lehrer mich fragte, ob ich eventuell Probleme in meiner Familie hätte wegen meinem plötzlichen Noten-Absturz. Je mehr ich mich auf die Scham einließ, desto mehr hatte ich Grund mich zu schämen.

Durch De-Shaming endlich frei durchatmen

Scham ist dazu da, um uns auf Spur und innerhalb allgemein anerkannter Normen zu halten. Diese Normen treten jedoch in einer solchen Vielzahl auf, dass sie sich oft überschneiden oder widersprechen (ganz davon abgesehen, dass man sich ohnehin oft die Frage stellen sollte, wie sinnig sie überhaupt sind). Es ist also schon gar nicht möglich, all diesen Normen gerecht zu werden – selbst wenn wir es wollten. Und das bringt mich zum springenden Punkt:

Warum – zum Kuckuck – sollten wir das denn überhaupt wollen?

Warum einen gesellschaftlich anerkannten Beruf ergreifen, wenn er mir gar nicht entspricht?

Warum eine lieblose Beziehung eingehen, wenn sie einen letztendlich nur unglücklich macht?

Warum so tun als seien wir hetero oder darüber stillschweigen, wenn wir in Wahrheit einfach nicht hetero sind?

Nur damit „die anderen“ nicht den Stab über uns brechen?

Es steckt in unseren Genen, dass wir anerkannt, geliebt und dazu gehören wollen. Es ist ein Überlebensinstinkt. In der Steinzeit war man nunmal verloren, wenn man von der Gruppe ausgestoßen wurde und als Säbelzahntigerfestmahl auf dem Präsentierteller lag. Heutzutage geht es uns nicht mehr ans Leder, nur weil wir nicht auf Heirat-Kinder-Eigenheim scharf sind. Die Konsequenz dieser „Regelverstöße“ ist die Scham. Die letztendlich nichts ist, als ein unangenehmes Gefühl. Welches wiederum in Handlungen mündet, die uns selbst einfach nur immer weiter einschränken, uns klein machen und uns die Lebensfreude ersticken.

Scham nützt uns nichts. Wenn wir hinlänglich gute Menschen sind, wissen wir, dass wir andere nicht verletzen dürfen und achten das. Es ist eine Sache der Moral, der Ethik. Die korrekte „Strafe“ für solche Verstöße ist das schlechte Gewissen. Nur, weil ich etwas Falsches getan habe, muss das nicht bedeuten, dass ich deswegen als Person nichts wert bin. Genau das hämmert jedoch die Scham in unseren Schädel: „Du bist nicht gut so wie Du bist.“

Schluss damit!

Die wunderbare Conni Biesalski ist eine Meisterin des De-Shaming und wahnsinnig inspirierend! Wenn Du mehr darüber erfahren möchtest, wirst Du auf Ihrem Blog garantiert fündig.

Du bist verdammt gut so wie Du bist

Natürlich lässt sich der Scham-Reflex nicht per Knopfdruck abstellen. Schwester Unella sitzt schon viel zu lange hartnäckig in unseren Köpfen, als dass das möglich wäre. Doch wir können unsere Scham-Schwelle mit Übung und Beharrlichkeit immer ein bisschen weiter verschieben. Das Ziel ist, weg davon zu kommen, es allen anderen recht zu machen. Du musst es Dir selbst recht machen. Die Schlüssel sind: Werte und Selbstliebe.

1. Lerne Dich wertzuschätzen

Du bist nicht Nichts. Du bist etwas Einzigartiges. Niemand auf der ganzen Welt ist mit Dir identisch. Niemand hat genau dasselbe Potenzial wie Du. Und was selten ist, das ist sowieso immer wertvoll. Lerne, Deine Eigenarten, Deine Besonderheiten als das zu sehen, was sie sind: Einzigartig, liebenswert. Das betrifft auch Deine Macken. Sie machen sich zu dem Menschen, der Du bist. Sie haben Deine Geschichte mit geformt, an Ihnen bist du gewachsen, aus Ihnen lernst Du. Leonhard Cohen sagte dazu etwas Wunderbares:

„Pay attention to the cracks. that’s where the light comes in“ (Leonhard Cohen)

2. Finde Werte, hinter denen Du stehst

Die Gesellschaft weiß mit ihren widersprüchlichen Normen ganz offensichtlich nicht, was sie will. Deswegen musst Du wissen, was Du willst und wofür Du stehst. Was ist Dir ganz persönlich wichtig im Leben? Wenn Du Dein „Warum“ gut kennst und Dein Herz dafür schlägt, dann wirst Du diese Werte auch leben, wenn die Gesellschaft etwas anderes an Dich heranträgt. Du willst die Welt bereisen und keinen festen Wohnsitz haben? Dann reise! Du willst keine Kinder kriegen? Dann bleib‘ kinderlos. Du bist glücklich als Single? Bleib‘ Single. Du hast Depressionen? Dann habe eben Depressionen und steh‘ dazu – Du weißt ja schließlich, dass psychische Erkrankungen nichts über den Wert eines Menschen aussagen.

3. Sei‘ anderen gegenüber tolerant

Es sollte selbstverständlich sein – ist es aber nicht. Wenn wir uns zufällig innerhalb einer gesellschaftlichen Norm bewegen, lassen wir uns oft dazu hinreißen, andere zu verurteilen, die das nicht tun. Einfach, weil dieses Gefühl „ich bin richtig – die sind falsch“ so gut tut. Doch getreu dem Sprichwort „Was Du nicht willst, das man Dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu“, sollten wir auch hier achtsam sein mit dem, was wir denken und sagen. Dicke Menschen sind nicht automatisch faul. Frauen mit häufig wechselnden Partnern sind nicht automatisch Schlampen. Menschen mit psychischen Krankheiten, sind nicht automatisch verrückt oder wehleidig. Hier hilft nur beobachten und lernen. Je öfter wir unsere Etiketten in der Schublade lassen können, desto besser.

 

Letztendlich ist Scham artverwandt mit Verletzlichkeit. Wenn uns etwas peinlich ist und wir uns schämen, dann offenbaren wir damit eine – vermeintliche – Schwäche. Man sagt ja auch, wir fühlen uns „bloßgestellt“, wie in diesem Albtraum, in dem man plötzlich nackt vor vielen Menschen steht. Aber wir sind in Wahrheit nur dann wirklich verletzlich, wenn wir uns für etwas schämen. Nur dann sind wir wirklich angreifbar. Und je weniger wir uns schämen, desto stärker werden wir auch. Wenn wir unsere Schamhaftigkeit in den Griff bekommen, dann wachsen wir unheimlich.

Letztendlich ist Scham eine Täuschung. Wenn wir sie hinterfragen, stellen wir fest, dass sie leer ist, dass nichts in ihr steckt. Nur, wenn wir diese Norm als berechtigt akzeptieren, können wir getroffen und verletzt werden.

Deswegen definiere Du selbst, was für Dich wichtig ist und schäme Dich nie wieder für etwas, was Dich ausmacht.

Gib‘ das Schämen auf und wachse über Dich hinaus!

Für Dein Licht gibt es kein Limit.

 



4 thoughts on “Schluss mit Schämen – Wie Du durch „De-Shaming“ über Dich hinauswächst”

  • Sehr schöner Kommentar ,derist so richtig aus dem Leben gegriffen.Man sollte sich doch echt mal Gedanken darüber machen !Echt war. lG euch allen.

  • Scham in der ein oder anderen Form kennt sicher jeder und hat auch jeder schon einmal erlebt. Aber du beschreibst hier wirklich sehr anschaulich, in was für eine Spirale man da auch mal geraten kann… Puh… Schön, dass du das für dich mittlerweile (zu recht!) ändern konntest.

    Und mal davon abgesehen (passt zum Rest des Textes nicht ganz, trotzdem): das mit deinen Cousinen ist eigentlich „traurig“. Also was deine Oma gesagt hat… Gerade weil Kinder irgendwann mal so einen schrägen Blick oder eine derartige Aussage mitbekommen, entsteht ja auch Scham…

    • Hallo Christine!

      Vielen Dank! Ja, es ist wirklich eine Spirale. So ganz richtig raus bin ich selber da auch noch nicht. Ist ja auch wirklich eine Mammutaufgabe. Aber die Tendenz geht zumindest in Richtung „De-Shaming“ und das ist gut. 🙂
      Meine Oma … ja. Sie meinte das sicher gut. Immerhin hat sie das ja wiederum auch so „gelernt“. Und ich glaube fast früher war das noch mal ne Ecke schlimmer gegen gesellschaftlich feststehende Normen zu verstoßen. Trotzdem ist es natürlich Zeit, dass sich da etwas ändert. Auch wenn das bedeutet, dass manche (Omas) umdenken müssen … aber ich glaube auch, es kann nur zum Vorteil aller sein. 😉

      Liebe Grüße
      Christina

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