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Schönheit hat viele Formen – und wir nehmen sie viel zu wichtig

Schönheit hat viele Formen – und wir nehmen sie viel zu wichtig

In einer Zeit, in der schmale Hüften Schönheitsideal sind, ein „gebärfreudiges Becken“ zu haben, ist nicht einfach. Noch weniger, wenn man gerade mal 12 Jahre alt ist.

Die Entwicklung vom Mädchen zur Frau dauert seine Zeit, idealerweise ein paar Jahre, wir nennen diese Zeit „Pubertät“. Letztendlich ist es aber so: Es gibt meistens diesen einen Moment, in dem dir schlagartig klar wird, dass du kein Kind mehr bist. Oder vielmehr: Dir wird klar, dass dich die anderen nicht mehr als Kind sehen.

Ich war 12, und auf einem „Halloween-Geburtstag“ eingeladen. Dazu hatte ich mir das Hexenkostüm meiner Tante ausgeliehen. Es war tailliert und eng geschnitten (aber was wusste ich damals schon von Schnitten und ihren Wirkungen …). Wir waren Bowling-Spielen unter der Aufsicht der Eltern meiner Freundin. Ich fühlte mich unbehaglich und ahnte, dass dieses Kleid irgendetwas aus mir machte, nach dem ich mich eigentlich nicht fühlte. Während ich in die Knie ging und die Bowling-Kugel auf die Bahn rollte, spürte ich die Blicke dieses Vaters auf mir. Und als ich an ihm vorbei zurück zum Tisch lief, sagte er – nicht unbedingt zu mir, aber doch laut genug: „Die Christina hat schon eine richtig weibliche Figur.“ Es war kein Kompliment, eher eine Feststellung, eine Randbemerkung. Keine meiner Freundinnen und ich am wenigsten, wusste etwas darauf zu sagen. Aber alle sahen mich mit einem Blick an, den ich nicht einordnen konnte.

Der größte Wunsch: Genau wie alle anderen sein

Das war das erste Mal, dass ich bewusst mitbekommen habe, wie andere meinen Körper bewerten und kategorisieren. Aber die Vorfälle häuften sich ab diesem Zeitpunkt.

In der Deutschstunde – Thema „Personenbeschreibung“ – diente ich als Anschauungsobjekt für einen „fülligen“ Körper. Spätestens mit dem Schwimmunterricht kam das auch bei den Jungs in meiner Klasse an. Ich galt bald als „die Fette“, die Bezeichnung wurde mir mit Abscheu vor die Füße gespuckt.

Von da an tat ich alles, um meinen Körper zu verstecken. Ich machte einen Rundrücken, damit man nicht sah, dass ich durchaus einen Busen hatte. Ich zog schlabbrige Shirts und Pullover an, die meinen Hintern verdeckten und weite Hosen, die meine Silhouette nicht betonten. Natürlich half alles nichts.

Ungefähr zehn Jahre lang führte ich Krieg gegen meinen Körper, machte Diäten, machte Sport, hielt nach Kleidern Ausschau, in denen ich mich verstecken konnte. Mein Gewicht ging runter und ging hoch, aber eine Tatsache änderte sich niemals: Dass ich weiblich aussah.

Ich hätte alles dafür gegeben, überhaupt nicht aufzufallen, in der Masse zu verschwinden, einfach nur graue Maus zu sein. Aber es ging nicht. Ich hätte mir einen Kartoffelsack anziehen können und hätte darin „weiblich“ ausgesehen. Hinzu kamen meine dicken, lockigen Haare, die sich jedem Schnitt beharrlich widersetzten. Es war ein Kampf, den ich nur verlieren konnte.

Weil ich so verbissen darauf aus war, mich selbst in eine Form zu pressen, für die ich einfach nicht gemacht war.

Von „Camel-Toe“ bis „Muffin-Top“- Warum tun wir uns das an?

Wie oft bin ich in Umkleidekabinen dem Nervenzusammenbruch nahe gewesen, weil ich die schmalhüftigen Jeans nur bis zu den Knien hochziehen konnte. Und selbst, wenn sich der Knopf schließen lässt, ist man noch lange nicht save. Es droht etwa der gefürchtete „Muffin-Top“, wenn (peinlich, peinlich!) etwas Hüftspeck über den Jeansbund ragt. Das sollte man vermeiden, heißt es. Außerdem hüte man sich vor dem „Camel-Toe“, wenn die Jeans im Schritt zu eng sitzt oder Falten wirft. Ob man Leggings tragen darf oder nicht, hängt wiederum stark vom Körpergewicht ab. Ab einem bestimmten – leider nicht genau fixierten – Gewicht, ist man in Leggings auf offener Straße quasi vogelfrei und zum Abschuss frei gegeben. Daher im Zweifel lieber: Finger weg.

Abhilfe schaffen diverse Fitness-Videos namens „Workouts gegen den Muffin-Top“ oder kluge Ratgeber-Artikel, die einem sagen, wie man diese optischen Makel klug kaschieren kann. Damit man endlich in diese verdammte, angesagte Skinny-Jeans rein passt.

Schließlich wollen wir ja immer das, was wir nicht haben. Und die Mode- und Werbe-Industrie weiß das nur zu gut. Verkauft uns Kleider, die uns nicht passen und löst Probleme, die wir eigentlich gar nicht hatten.

Und wir machen mit.

Dabei ist es doch so:

Kleidung muss sich Deinem Körper anpassen – nicht Dein Körper der Kleidung

Warum übernehmen wir ungefragt Körper- und Schönheitsbilder, die von der Modeindustrie geschaffen werden und die nur auf einen Bruchteil der Menschen in der Gesellschaft zutreffen? Warum muss es überhaupt DAS Schönheitsideal geben, während wir in vielen anderen Bereichen des Lebens Vielfalt begrüßen und als normal erachten? Ich hab etwa noch niemanden darüber lästern hören, dass jemand Vollmilchschokolade isst anstatt die gerade angesagte Einhornschokolade. Es gibt nicht DIE Ideal-Schokolade. Jeder akzeptiert vollkommen selbstverständlich, dass es eine Frage des subjektiven Geschmacks ist, welche Schokolade man mag. Warum können wir dann nicht auch Schönheit als das sehen, was sie ist: Absolut subjektiv.

Und wenn wir schon dabei sind: Warum nehmen wir sie überhaupt so wichtig?

Woran willst Du gemessen werden?

Wenn man irgendwann an meinem Grab steht und über mich spricht – würde ich mich freuen, wenn man dann über mich sagen würde „Sie war sehr schön“? Macht es mich stolz, wenn meine Nachfahren mich als die mit den schmalen Hüften in Erinnerung haben? Wenn ich in die Analen der Geschichte einginge (oder auch nicht) als die, die ihren Hüftspeck stets unter Kontrolle gehalten hat? Die immer wusste, wann eine Leggings zumutbar war und wann sie ihre dicken Stampfer besser anders verpackt?

Wohl kaum.

Überhaupt ist diese Schönheitskiste doch sowieso so vergänglich wie nichts sonst. Nichts kann uns davon abhalten, graue Haare zu bekommen. Und Falten, Runzeln, Warzen, vielleicht mal einen Damenbart jenseits der Wechseljahre – who knows? Die Schwerkraft tut ihr übriges – so viel weiß sogar ich über Physik. Es gibt somit doch eigentlich nichts, das schlechter geeignet wäre, sich daran so festzukrallen, als Schönheit. Und doch tun wir es – unermüdlich. Machen uns und anderen das Leben schwer. Brechen den Stab über „Modesündern“ und urteilen unablässig über uns und andere.

Und am Ende sind wir doch alle faltig und grau (oder sterben jung – aber die Alternative ist auch nicht erstrebenswert).

Anstatt mit dem Umfang unserer Hüften sollten wir uns vielleicht mehr mit dem Umfang unseres Herzens beschäftigen. Anstatt einem unerreichbaren Idealbild hinterher zu hecheln, könnten wir dankbar sein für das, was wir haben.

Und anstatt an unserem Körper herumzuoptimieren könnten wir uns überlegen, wie wir die Welt ein bisschen besser machen können.

Unser Licht leuchtet nicht heller, wenn wir das Licht von anderen auspusten.

Die Welt wird dadurch nur um einiges dunkler.

 



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