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Warum es verdammt nochmal nicht schlimm ist eine Psychotherapie zu machen

Warum es verdammt nochmal nicht schlimm ist eine Psychotherapie zu machen

Jawoll, auch ich habe eine Psychotherapie gemacht. Und ich würde es wieder tun. Und ich habe auch kein Problem (mehr) damit, wenn das jeder weiß. Schluss mit diesem Psychotherapie-Shaming!

Hand hoch und Hand aufs Herz: Kennst Du jemanden, der irgendwelche psychischen Probleme hat? Sorgen im Leben? Oder einfach wie es so schön heißt „einen Knall“? Hast Du Angst vor was, wovor sich andere oft nicht fürchten? Bist Du in manchen Situationen total gehemmt oder packt Dich manchmal einfach die wildeste Panik als wärst Du vom wilden Affen gestochen? Oder schleppst Du vielleicht einen riesigen Rucksack voll mit emotionalem Ballast mit Dir rum?

Ich gehe mal davon aus, dass Du jetzt gerade die Hand gehoben hast, zumindest gedanklich.

Ich bin nämlich fest davon überzeugt: Jeder hat „irgendwas“ oder kennt jemanden. Oder jemanden, der jemanden kennt.

In letzter Zeit lese, sehe und höre ich unglaublich oft, dass sich Menschen mit ihrer Psychotherapie „outen“ und sich bemühen, zu erklären, warum sie das tun. Die wunderbare Kim von „kimspiriert“ hat das Thema vor kurzem ebenfalls in einem sehr einfühlsamen Beitrag aufgegriffen.

Und ich glaube auch, dass es allerhöchste Zeit ist, dass mal ein ernstes Wörtchen über das Thema geredet wird. Es ist mir nämlich ein echtes Anliegen mal ganz, ganz laut zu sagen:

Wer eine Psychotherapie macht, ist nicht schwach!

Danke für die Aufmerksamkeit. Und jetzt kurz zu mir:

Ich habe 2012 eine Psychotherapie gemacht, eine sogenannte Verhaltenstherapie. Der Entschluss dazu fiel mir alles andere als leicht. Genau genommen war ich zu diesem Zeitpunkt komplett am Ende. Ich fühlte mich kaputt, Totalschaden quasi, und meine größte Angst war, dass es langsam auffallen könnte, dass ich so kaputt bin. Dass ich aufhören könnte zu funktionieren und alle sehen würden, wie daneben ich war. Ich gestand mir ein, dass ich Hilfe brauchte. Und mein Wunsch war, dass mich ein „Seelenklempner“ im Geheimen wieder so reparieren würde, dass ich wieder rund lief. Meine Panikattacken hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits sechs Jahre. Ich hatte mich getraut, das ein oder andere Buch darüber zu kaufen und zu lesen. Hatte meine Skills antrainiert, mögliche „Fluchtwege“ aus allen möglichen Situationen parat und Sachen abgebrochen, die keine adäquaten Fluchtmöglichkeiten boten (z.B. das Singen, das in einem geschlossenen Raum stattfand und wo man nicht oft unauffällig aufs Klo gehen konnte und das natürlich mit Auftritten vor Publikum einher ging). Und wenn alle Stricke rissen, hatte ich ein Arsenal an „Notfallmedikamenten“, die nicht vom Arzt verschrieben werden mussten (denn der hätte ja herausfinden können, dass ich einen Dachschaden hatte) – Baldrian, Lasea-Kapseln, Bachblüten … you know.

Dieses ausgeklügelte System, das einzig dazu diente mein „Panik-Problem“ geheim zu halten, funktionierte aber plötzlich nicht mehr. Eines Morgens wachte ich auf und es war, als hätte jemand dunkle Jalousien vor meiner Seele heruntergelassen. Alle Gefühle waren gedämpft. Mir widerfuhren Dinge, die mich normalerweise gefreut hätten, z.B. die Tatsache, meinen Freund am Wochenende wiederzusehen und ich fühlte fast nichts. Die Freude drang nicht in mein Herz. Ich wusste, ich sollte mich freuen, aber ich konnte es nicht. Es strengte mich sogar körperlich an, es zu versuchen. Ich ahnte, dass das eine Depression war, die da an meiner Tür kratzte. Und ich wusste, dass Menschen mit einer Angststörung (dass ich eine hatte, hatte ich mir damals schon selbst diagnostiziert und entsprechend angelesen) statistisch gesehen ein erhöhtes Risiko haben, auch eine Depression zu bekommen.

Das konnte ich nicht akzeptieren. Ich hatte gelernt damit zu leben, dass mir manche Freuden genommen waren durch die Angst oder dass ich auf manches verzichten musste. Aber es hatte immer Episoden gegeben, in denen ich Spaß gehabt und mich gefreut hatte. Diese plötzliche Dunkelheit in meiner Seele war mehr als ich ertragen konnte. Meine allergrößte Sorge war jedoch: Keiner darf etwas merken!

Ich schämte mich so sehr, dass ich es nicht einmal schaffte bei einem Psychologen anzurufen. Ich meldete mich nur dort, wo auch eine E-Mail-Adresse angegeben war. Und ich hatte „Glück“. Eine Woche später hatte ich mein Erstgespräch.

Eine Sache, die Dich vielleicht überraschen wird

Zumindest hat es mich überrascht: Es war keine große Sache.

Mir saß eine junge blonde Frau gegenüber, die Psychologin. Ich erzählte ihr mit hängendem Kopf – das Bild einer gescheiterten Existenz – als Häufchen Elend wie kaputt ich vermeintlich war. Und ich erwartete, dass mir irgendwie bestätigt wurde, dass ich versagt hatte. Das passierte jedoch zu keiner Zeit. Es wurde keinerlei Aufhebens um meinen „Zustand“ gemacht. Dass ich Panikattacken hatte, beeindruckte meine Psychologin in keinster Weise.

Klar, die erlebt das ja ständig, denkst Du jetzt vielleicht. Stimmt.

Aber ehrlich gesagt: Ich erlebe das auch ständig. Und Du vielleicht auch.

Ich habe während der Therapie einige andere „Klienten“ kennengelernt und deren Probleme: Ganz normale Menschen wie Du und ich. Aber auch außerhalb des „Psychologen-Umfeldes“.

Ich ging als kaputtes Häufchen Elend in die Therapie und ich kam heraus mit einem wesentlich weiteren Horizont und etwas mehr Gelassenheit. Anders als ich anfangs erhofft hatte, war ich nicht „geheilt“. Meine Angststörung war nicht „weggemacht“ worden, ich funktionierte noch immer nicht wieder so, wie ich vor der Angststörung funktioniert hatte. Der Unterschied war, dass es jetzt ok war, dass es so war. Ich hatte einen neuen Blick auf mich, mein Leben und meine Angststörung gewonnen. Und das war letzten Endes viel, viel wertvoller. Denn es ist so:

Psychische Probleme sind nicht die Ausnahme sondern die Regel

Lange wussten nur meine Mutter und mein Freund (jetzt Mann) von meiner Therapie. Ich hatte Angst vor dem Urteil, das immer noch durch unsere Gesellschaft geistert wie schädlicher Feinstaub: Wer eine Therapie macht, ist verrückt. Oder irre. Mindestens kaputt. Hat es „an den Nerven“. Ist schwach. Ist krank.

Ich hatte Angst, dass man mich so sehen würde, wenn bekannt wäre, dass ich psychologische Hilfe in Anspruch genommen habe. Ehrlich gesagt habe ich diese Angst immer noch. Aber ich finde es wichtig, dass irgendwann niemand mehr diese Angst haben muss. Weil es nämlich einfach nicht so ist.

Ich kenne wirklich viele, viele wunderbare Menschen, die ein psychisches Problem haben und ganz und gar nicht irre, kaputt oder schwach sind. Nicht einer von ihnen ist das. Ehrlich gesagt kenne ich sogar mehr Menschen, die irgendein psychisches Problem haben, als Menschen, die keins haben (oder von denen ich es einfach nur nicht weiß). Psychische Probleme zu haben, ist nämlich ganz und gar nicht die große Ausnahme, die verschwiegen werden muss, weil es so peinlich ist.

Es ist die verdammte Regel.

Und das ist eigentlich nur logisch.

Warum es absurd ist, Menschen abzustempeln, nur weil sie eine Psychotherapie machen

 

Niemand ist schuld daran, wenn er Probleme mit seiner Psyche hat. Kein Mensch hat gerne Depressionen oder Angststörungen und Co., niemand führt das absichtlich herbei. Deswegen kann sich auch niemand „einfach mal zusammenreißen“ oder was man diesen Menschen sonst gerne so rät. Man würde ja auch niemandem mit beispielsweise Bluthochdruck sagen, er solle sich doch bitte mal ein bisschen zusammennehmen. Niemand packt einen Herzinfarktpatienten an den Schultern und sagt „Jetzt beruhigen Sie sich bitte einfach mal“. Niemand flüstert hinter dem Rücken eines Menschen mit einem gebrochenen Arm oder Bein: „Der will sich doch nur wieder aufspielen“. Keiner unterstellt einem Krebspatienten, der brauche doch nur wieder mal Aufmerksamkeit (sorry für das drastische Beispiel, aber ihr wisst, was ich meine).

Und genau so sollte das – verdammt nochmal – auch bei psychischen Erkrankungen und Problemen sein. Nur weil man – in der Regel – keinen Ausschlag bekommt, wenn man depressiv ist, heißt das nicht, die Depression sei nicht real. Man braucht keinen Gips, wenn man eine Angststörung hat, es fallen einem auch nicht die Haare aus, wenn bei einem Borderline diagnostiziert wird.

Aber nochmal:

Nur, weil man es nicht mit den Augen sehen kann, heißt das nicht, es ist nicht real

Falls Du selbst psychische Probleme hast:

Mach Dich nicht klein. Du hast Dir das nicht ausgesucht und Du bist auch in keiner Weise verantwortlich dafür oder schuld daran. Du bist nicht „kaputt“ und Du musst genauso wenig „funktionieren“. Du bist nicht falsch.

Es erfordert Mut, aber bitte:

Versteck‘ Dich nicht. Keiner sagt, Du musst es der ganzen Welt auf die Nase binden. (Es würde sich wohl auch keiner auf den Marktplatz stellen und „Hört alle her, ich habe Hämorrhoiden!“ schreien). Aber schweige es nicht tot, weil Du Dich schämst oder fürchtest, was die anderen über Dich denken könnten. Es ist nämlich keine Schande. Es ist sogar – eigentlich – unerheblich. Es macht Dich nicht aus. Deine psychischen Probleme sind nicht Du. Genauso wenig wie Du Dein Fußpilz bist oder Deine Mandelentzündung oder Deine Diabetes oder Dein Krebs. Du bist nicht die Krankheit. Und niemand hat das Recht, Dich dafür abzustempeln. Wenn es trotzdem jemand tut: Steh‘ drüber, bleib stark, behalte den Kopf oben. Aber stemple Du Dich nicht ab. Niemals!

Falls Du jemanden kennst, der psychische Probleme hat:

Behandle denjenigen nicht anders. Mach‘ kein Aufhebens darum, mach es nicht zu einer Katastrophe, die es nicht ist. Aber nimm die Sache ernst. Verstehe, dass Du nicht verstehen kannst, wie es ist. Glaube nicht, dass derjenige sich „einfach zusammennehmen“ müsste und er wäre wieder „normal“. Verabschiede Dich überhaupt von „normal“. Und wenn derjenige sich „kaputt“ fühlt, nimm ihn in den Arm (körperlich oder sinngemäß) und mach ihm klar, dass alles passt.

Meine Psychologin nannte meinen Freund einen „Entkatastrophisierer“. Weil er niemals auf meinen „Ich bin eine kaputte Irre“-Zug aufgesprungen ist. Er hat mich konsequent niemals wie die Verrückte behandelt, in die ich mich manchmal hineinsteigern wollte. Und meistens hat das die Panikwelle sofort gestoppt.

Was ich sagen will:

Wir brauchen mehr Entkatastrophisierer in unserer Gesellschaft.

Eine Psychotherapie zu machen ist kein Eingeständnis von Schwäche, keine Niederlage, nichts, was peinlich sein muss, kein Versagen und keine Katastrophe. Es ist noch nicht mal außergewöhnlich (ihr habt vielleicht davon gehört, dass man in der Regel ziemlich lange auf einen Therapieplatz wartet. Warum wohl?).

Behandeln wir psychische Probleme doch einfach als das, was sie sind: Fußpilz.

Unangenehm, aber kein Grund, nicht fest auf den eigenen Füßen zu stehen.

Und seinen Weg zu gehen.


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