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Weitblick statt Tunnelblick – Wie Dir Dein Ärger nicht mehr länger den Tag versaut

Weitblick statt Tunnelblick – Wie Dir Dein Ärger nicht mehr länger den Tag versaut

Ich habe vor ein paar Wochen geheiratet und auch wenn es abgedroschen klingt: Es war einer der schönsten Tage meines Lebens. Ich habe gelacht, ich habe geweint (vor Freude!) und die ganze Nacht durchgetanzt.

Eine Woche später sitze ich mit meiner Mutter am Frühstückstisch. Und zwischen Rührei und Orangensaft erzählt sie mir beiläufig:

„Du, die S. hat neulich nach der Singstunde erzählt, dass eure Hochzeit ja SO toll war. Es hätte ja wirklich alles gepasst und hätte so schön ausgesehen.“

Kaum habe ich jedoch mein huldvolles Grinsen auf dem Gesicht und will zum obligatorischen „Ooooh, das freut mich“ ansetzen, fügt Mama noch hinzu:

„Nur dein Lippenstift habe überhaupt nicht gut ausgesehen. Der sei so grell gewesen, hat sie gesagt, richtig schlimm.“

„Richtig schlimm … schlimm … schlimm …“ prallt das Echo von Mamas Worten wie ein Pingpongball in meinem Schädelinnenraum hin und her. Mein Puls beschleunigt sich, mir wird heiß, in meinen Ohren rauscht mein in Wallung geratenes Blut wie ein Gebirgsbach.

„Ooooooh, das freut mich“ bleibt mir in der Kehle stecken. Stattdessen krächze ich: „Was soll das denn heißen?“

Meine Mutter zuckt die Schultern. „Keine Ahnung. Du kennst sie doch, irgendwas muss ja immer sein.“

Ja, denke ich. Aber doch nicht an MEINER Hochzeit, dem Tag aller Tage, dem großen Ereignis meines Lebens, auf das ich ein Jahr lang hingeplant habe!

Plötzlich hat meine leuchtende Erinnerung an meine Hochzeit einen hässlichen Beigeschmack.

Ich sehe mich mit meinem Ehemann tanzen – und der Lippenstift leuchtet rot wie ein Stoppschild und zieht alle Aufmerksamkeit auf sich.

Ich sehe uns, wie wir unser Eheversprechen abgeben – und der Lippenstift leuchtet so schreiend grell, dass er alle gesprochenen Worte übertönt und alle Anwesenden nur fassungslos auf meinen Mund starren.

Nach und nach kommt es mir so vor, als hätte nicht ich, sondern mein Lippenstift geheiratet und alle Anwesenden in Entsetzen versetzt.

Ich schäme mich.

In meiner Brust zieht sich alles zusammen, mein Blick verengt sich und fixiert sich auf meinen Mund. Zoomt ihn ganz groß. Größer als ich selbst. Größer als die Hochzeit. Größer als die Freude. Größer als meine eigene Erinnerung und Wahrnehmung.

Die alte Geschichte von der Mücke und dem Elefanten

Ich habe ungefähr drei Tage gebraucht, um den „Lippenstift-Vorfall“ zu verarbeiten. Es brauchte zwei weitere lange Telefonate mit meiner Mutter, ein langes Gespräch mit meinem Mann und einige Kaffee- bzw. Proseccodates mit meiner Freundin, um den Elefanten-Lippenstift wieder auf seine Mäuse-Größe zurückzuschrumpfen (obwohl die Maus auch heute noch immer mal wieder ein leises „Törööö“ von sich gibt …).

Und das war schnell.

Normalerweise hätte ich auf einem solchen Ärgernis – und nichts anderes ist der Lippenstift-Kommentar ja letztendlich – noch Ewigkeiten herumgekaut wie auf einem alten Knochen. Diesmal ging es so schnell, weil die Sache für mich einfach zu wichtig war. Es ging um meine Hochzeit. Ich wollte die positive Erinnerung daran bewahren. Letztendlich wurde mir klar, dass es mich am allermeisten ärgerte, DASS ich mich wegen dieser Lippenstift-Sache so ärgerte. Und das öffnete mir die Augen dafür, wie ich diesen Ärger-Kreislauf in der Regel immer wieder selbst anschiebe.

Vielleicht kennst du das.

Das passiert bei uns, wenn wir uns ärgern

Egal, wie man es dreht und wendet, die Sache mit dem Ärger hat mit unserer Wahrnehmung und unseren Gefühlen gegenüber etwas oder jemandem oder uns selbst zu tun. Diese Wahrnehmung wird von etwas oder jemandem verletzt.

Ich hatte eine rundum positive Erinnerung an meine Hochzeit. Ich hatte mich wohl und schön gefühlt, war genau die Braut, die ich sein wollte.

Und erwartete unbewusst deswegen, dass das auch alle anderen so sahen. Mehr noch sogar: Ich dachte fast, dass ich als Braut ja wohl das RECHT dazu hatte, von allen anderen gefälligst auch schön gefunden zu werden.

Der Lippenstift-Kommentar passte natürlich ganz und gar nicht zu dieser Wahrnehmung. Mein Bild von der perfekten Hochzeit und mir als „perfekter Braut“ bekam einen Riss. Und das tat weh. Erst wurde ich sauer. Das war unangenehm. Aber dann schämte ich mich. Und das war noch viel unangenehmer. Plötzlich dachte ich darüber nach, ob ich mich an der Hochzeit blamiert hatte. War der Lippenstift noch mehr Leuten negativ aufgefallen? Was war vielleicht noch schief gelaufen, woran ich vielleicht noch gar nicht dachte?

Das macht Ärger mit unserer Wahrnehmung

Und schon war ich mittendrin im Ärger-Karussell. Meine Sicht der Dinge hatte sich so verengt, dass mir nicht aufgefallen war, dass ich selbst bereitwillig darauf eingestiegen war. Und das war so, weil ich meine Wahrnehmung verlagert hatte. Statt auf mein Empfinden des Geschehens, fokussierte ich mich nur noch darauf, wie andere die Hochzeit und mich gesehen und erlebt haben könnten.

Die Betonung liegt auf „könnten“.

Wir werden niemals wissen, wie andere uns wirklich sehen. Auch das, was sie selber sagen, muss nicht wirklich dem entsprechen, was sie denken und fühlen. Deswegen können wir auch bis zum jüngsten Tag über die Frage kreisen „Wie sehen mich die anderen?“ – und gegebenenfalls darüber verzweifeln, uns selbst zerfleischen und niedermachen.

Die Frage nach dem „Warum?“ wird sich nicht lösen lassen. Warum hatte S. nur gesagt, dass sie meinen Lippenstift nicht schön fand? Warum tat sie mir das an? Warum – zum Kuckuck – fand sie den Lippenstift denn nicht – verdammt nochmal – schön?

Fakt ist: Ich werde es niemals wissen können.

Eine bessere Frage wäre deswegen: Ist es wichtig?

Wie Du Dich nicht verlierst, wenn Dich etwas ärgert

Wenn ich ehrlich zu mir bin, ist die Antwort: Nein. Nein, es ist nicht wichtig.

Dass ich den Lippenstift getragen hatte, war kein Versehen. Ich hatte mich bewusst für diese Farbe entschieden. Und ich hatte mir gefallen. Letztendlich hatte der Lippenstift keinerlei Auswirkung darauf, dass der Tag wunderschön war. Er hat weder die Sonne verdunkelt, sodass es geregnet hätte, noch hat er die Hochzeitstorte ungenießbar gemacht oder den Brautstrauß welken lassen. Mein Mann hat nicht entsetzt kehrt gemacht oder auf die alles entscheidende Frage mit „Nein“ geantwortet. Niemand hat die Feier deswegen verlassen. Die Musik hatte trotzdem gespielt, alle haben trotzdem gefeiert. Ich habe mich trotzdem schön gefunden.

Das einzige Problem an der Sache war, dass ich S. und ihrem Kommentar die Macht über meine eigene Wahrnehmung – und somit meine Erinnerung – gegeben habe. Ich selbst habe den Lippenstift so groß und elefantös werden lassen. Ich habe diesem ärgerlichen Kommentar die Macht gegeben, mein eigenes Empfinden zu beeinflussen und meine Erinnerung zu trüben. Ich selbst hatte meiner eigenen Wahrnehmung ihre Gültigkeit abgesprochen und die Wahrnehmung von jemand anderem höher gewertet als meine eigene. Ich habe meine Macht abgegeben – freiwillig.

Das bedeutet jedoch auch: Ich habe die Macht, das zu ändern.

Du entscheidest, was Dich ärgert

Letztendlich hat mir die „Lippenstift-Affäre“, wie ich sie inzwischen nenne, viel über mich selbst beigebracht.

Sogar Buddha hat gesagt:

„An Zorn festhalten ist wie Gift trinken und erwarten, dass der Andere dadurch stirbt.“

Das trifft die Sache auf den Punkt. Ich habe unablässig über einem – unter Umständen – gedankenlos dahingesagten Kommentar gebrütet. Während die Kommentar-Urheberin vielleicht schon gar nicht mehr wusste, was sie genau gesagt hat. Ich habe dieses Ärger-Gift literweise getrunken, habe vor anderen und vor mich hin geschimpft, unter der Dusche imaginäre Diskussionen mit S. ausgefochten – und mich letztendlich selber nur im Kreis gedreht.

Dabei habe ich das Wesentliche aus den Augen verloren: Mich selbst und meine Wahrnehmung – die einzige, die ich wirklich mit Sicherheit kenne.

Auch heute versetzt mir der Gedanke an die „Lippenstift-Affäre“ manchmal noch einen kleinen Stich. Aber wenn die Hochzeit ein See voller Erinnerungen ist, dann ist die Sache mit dem Lippenstift nichts als ein Tropfen Gift, der sich letztendlich doch in den Massen der positiven Erinnerungen und Gefühle auflöst.

Und dann irgendwann gar nicht mehr zu sehen ist.

Deswegen:

Wenn Du Dich das nächste Mal über etwas ärgerst, frage Dich:

Ist es wirklich wichtig?

Und mache Dir klar:

Du hast die Macht über Deine Gedanken. Du entscheidest, was für Dich und Dein Leben bedeutsam ist.

Und Du kannst lernen, diese Macht einzusetzen.



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