Der Weg ein kreatives Leben zu führen

Der Weg ein kreatives Leben zu führen

„Wenn das Schicksal nicht wollte, dass ich Schriftstellerin bin, dann hätte es mich nicht zu einer machen sollen, finde ich“, schreibt Elizabeth Gilbert in „Big Magic“.

Es ist leicht hier die Augen zu verdrehen. Schließlich ist Liz Gilbert nicht erst seit „Eat Pray Love“ Schriftstellerin. Und was glaubst Du denn bitte, wer Du bist? Oder ich?

Ich dachte lange, dass ein kreatives Leben einigen wenigen vorbehalten ist. Den „Begabten“, den „Talentierten“, den sonst wie vom Schicksal beschenkten. Einigen wenigen Auserwählten eben. Zu denen ich selbstverständlich nicht zähle. Denn sonst wäre das ja bestimmt längst aufgefallen. Weder habe ich wie Mozart schon als Kind edle Kompositionen geschrieben, noch habe ich wie Leonardo da Vinci gemalt, kaum dass ich den Windeln entwachsen war. Und schon gar nicht habe ich geschrieben wie die großen Größen der Literaturgeschichte.

Und trotzdem hatte ich schon immer den Wunsch, mein Leben irgendwie kreativ zu verbringen. Und am liebsten ohne dass jemand mit den Augen rollt.

Die Stimme, die Dir sagt: Du kannst das nicht.

Egal wie liebevoll wir auch immer aufgewachsen sein mögen. Sicher gab es auch bei Dir irgendwann einmal jemand, der Dir gesagt hat: Du kannst das nicht. Vielleicht warst Du dieser jemand sogar selbst.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es erst einmal jemand anderes gab, der Dir den Wind aus den Segeln nehmen wollte, noch bevor Du überhaupt in See stechen kannst. Denn nicht zu wachsen, nicht los zu gehen und nichts zu wagen, ist immer bequemer. Vor allem für die anderen. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich schwer damit tut, zuzusehen, wie jemand anderes sein Potenzial entfaltet und über sich hinaus wächst. Da draußen gibt es unzählige Menschen, die nur darauf warten, Dich klein zu machen. Damit Du ihnen nicht zeigst, welches Potenzial vielleicht auch in ihnen ungenutzt schlummert. Damit sie nicht über die Chancen nachdenken müssen, die sie eventuell haben verstreichen lassen. Damit sie nicht losgehen müssen, raus aus dem warmen Nest ihrer eigenen Komfortzone, dorthin, wo es ungemütlich wird.

Wenn Du irgendwann in Deinem Leben einmal über diese Du-kannst-das-nicht-Stimmen gestolpert bist, dann ist es gut möglich, dass Du zurückschreckst und Dich nicht mehr traust. So war es bei mir. Zunächst einmal.

Soweit ich in meinem Leben zurückdenken kann, so lange habe ich schon „geschrieben“. Bevor ich schreiben konnte, habe ich mir schon Geschichten in meinem Kopf ausgedacht und manchmal vor mich hingemurmelt (das muss etwas verstörend auf meine Erziehungsberechtigten gewirkt haben. Ich weiß noch, dass meine Oma mich oft fragte: „Wer bist Du denn jetzt wieder?“ … Nun ja …). Sobald ich schreiben konnte, schrieb ich immer irgendwas. Ich machte mir Notizen in leere Schulhefte, fing „Romane“ an und schrieb kurze Geschichten in kleine Paperblanks. Alle fanden das ganz toll, dass ich so kreativ war, sogar gute Schulnoten für meine Aufsätze absahnte. Bis es dann um den Beruf ging.

Nach dem Abi bekam ich tonnenweise gute Ratschläge. Lehrerin werden war hoch im Kurs. „Es werden Mathe- und Physiklehrer gesucht!“ verkündeten mir meine Großeltern einmal noch vor dem ersten „Hallo“. (Ich war von jeher eine Mathe- und Physik-Niete.) Immer wenn ich zaghafte Vorstöße wagte, ich wolle Germanistik studieren, gab es jemanden, der mir davon abriet (O-Ton: „Da kannst Du dich gleich arbeitslos melden!“). Ich habe in dieser Zeit ziemlich viele Tränen verdrückt. Denn all das, was eigentlich ein vermeintlich guter Ratschlag hatte sein sollen, bedeutete für mich nichts anderes als:

Du kannst das nicht. Du bist nicht gut genug. 

Dabei gehörte das Schreiben für mich längst zu meiner Persönlichkeit. Es war ein so großer Teil in meinem Leben und ich liebte es so sehr, dass dieses dreifachdonnernde „Du kannst das nicht“ mich richtig ins Mark traf. Die andere Frage war: Was sollte ich denn sonst mit meinem Leben anfangen?

Der Irrglaube vom kreativen Leben

Aus irgendeinem Grund scheinen wir zu glauben, dass uns nur dann ein kreatives Leben vergönnt ist, wenn wir supermegaerfolgreich damit sind. Nicht nur davon leben können, sondern bestenfalls auch noch berühmt werden. Da die Messlatte so hoch zu liegen scheint, ist die Liste der Ängste, die sich um ein kreatives Leben ranken, immens lang.

Ein paar Ängste, die Du vielleicht auch kennst:

Die Angst zu scheitern.

Die Angst, sich lächerlich zu machen.

Die Angst nicht gut genug zu sein.

Die Angst davor, was andere davon halten würden, wenn man sich plötzlich verändert.

Die Angst davor, erfolgreich zu sein. (aka: „Jetzt gibt es kein Zurück mehr, wie soll ich das nur schaffen?“)

Die Angst davor, niemals erfolgreich zu sein.

Die Angst davor, sich zu überschätzen.

Existenzielle Ängste wie „Was, wenn ich nicht genug Geld verdiene?“

Und so weiter.

Die Krux an der Sache ist, dass wir einfach mega verbissen sind, wenns ans Kreative geht. Und was könnte verrückter sein? Kreativität ist Leichtigkeit (verdammt nochmal)! Die Muse küsst Dich, sie schlägt Dir nicht ins Gesicht. Kreativität ist überall und in jedem. Oder hast Du jemals ein Kind gesehen, das nicht irgendwie kreativ ist? Und wenn es nur Höhlenmalereien mit Nutella an der weißen Tapete sind. Menschen erschaffen gerne schöne, nutzlose Dinge. Sie haben es schon immer getan. Und sie umgeben sich gerne mit schönen (vermeintlich) nutzlosen Dingen. Ein Gedicht, ein Bild, ein Musikstück hat noch nie die Welt gerettet. Es ernährt niemanden, macht niemanden gesund, der krank ist und trotzdem wäre die Welt ein furchtbarer Ort, wenn es keine Musiker, Schreiber, Schauspieler, Tänzer oder Maler gäbe (und all ihre kreativen Artverwandten).  Sich kreativ auszudrücken ist also offenbar ein Grundbedürfnis aller Menschen. Warum also sollte es nur wenigen vorbehalten sein, diesem Drang nachzugehen?

Wie Du ein kreatives Leben führen kannst

Wenn Du ein kreatives Leben führen willst, dann musst Du nur eine Sache tun: Deine Kunst in die Welt setzen. Und zwar komme, was da wolle. Einfach nur, um Deinetwillen.

Nutze die Talente die Du hast! Die Wälder wären still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.

(Henry van Dyke)

Deine Kunst hat ihre Daseinsberechtigung allein deswegen, weil Du lebst und atmest.

If you are alive, you’re a creative person.

Elizabeth Gilbert, Big Magic

Es ist egal, ob Deine kreativen Ergüsse Dich ernähren können oder nicht. Du kannst tagsüber Dein Geld im Büro, auf dem Bau, kellnernd, an der Supermarktkasse oder sonst wie verdienen und abends wundervolle Gebilde aus Ton fertigen. Einfach nur, weil Dein Herz sich danach sehnt. Du kannst ganze Reihen von Fantasy-Romanen schreiben, einfach nur, weil Du Freude daran hast. Wenn sie Leser finden – mega! Und wenn nicht: Was wäre die Alternative?

Auch wenn ich niemals auch nur einen einzigen Menschen auf der Welt fände, der meine Schreiberei mag: Mein Leben wäre trotzdem immer noch millionenfach schlimmer, wenn ich nicht mehr schreiben dürfte.

Mit dieser Einstellung kannst Du einigen Ängsten, die sich um ein kreatives Leben ranken, direkt einen Kinnhaken verpassen:

Wie solltest Du denn scheitern können, wenn Dein einziger Wunsch ist, einfach zu schreiben, zu malen, zu musizieren?

Wenn Du gar nicht unbedingt den Anspruch hast, um jeden Preis erfolgreich sein zu müssen, dann kannst Du Dich auch in dieser Hinsicht locker machen und offen sein. Wenn es klappt, ist es schön. Wenn nicht, ist es immer noch besser, als sich das kreative Schaffen zu versagen.

Tja, und die anderen?

Zu diesem Thema hat Andy Warhol etwas Cooles gesagt:

„Don’t think about making art, just get it done. Let everyone else decide if it’s good or bad, whether they love it or hate it. While they are deciding, make even more art.“

Andy Warhol

Du hast keinerlei Einfluss darauf, was andere über Deine Kunst denken. Was andere hinein interpretieren. Also warum, Dich damit belasten? Es gibt ja außerdem nichts Subjektiveres als die Frage, was große Kunst ist und was nicht. Vincent van Gogh hatte Zeit seines Lebens keinen Erfolg mit seiner Kunst. Aber hat ihn das davon abgehalten, weiter zu malen?

Bring‘ Deine Kunst einfach in die Welt und dann lass‘ sie los. In „Big Magic“ schreibt Elizabeth Gilbert auch sehr eindringlich:

Deine Kunst ist nicht Dein Baby. Wenn überhaupt ist es umgekehrt. 

Die Muse hat Dich geküsst, Du hast etwas Kreatives geschaffen. Ende der Geschichte. Die Muse hat Dich nicht geheiratet. Gilberts Punkt ist: Inspiration gehört niemandem, daher bist Du auch nicht die Mutter oder der Vater Deiner Werke. Und das ist gut so, denn es erlaubt Dir Leichtigkeit. Du brauchst Dich nicht an Deine Werke zu klammern. Du hast sie hervorgebracht und nun sind sie frei. Du kannst derweil das nächste schaffen. Dein Seelenheil hängt nicht an diesem einen Kunstobjekt, egal was die Welt daraus macht oder nicht. Du hast es erschaffen, weil Du es wolltest.

Zum Abschluss lasse ich noch ein paar Herrschaften zu Wort kommen, die bereits ein kreatives Leben leben oder lebten:

„Every artist was first an amateur“

Ralph Waldo Emerson

 

„Every child is an artist. The problem is how to remain an artist, once we grow up“.

Pablo Picasso

 

„Whether you succeed or not is irrelevant, there is no such thing. Making your unknown known is the important thing – and keeping the unknown always beyond you.“

Georgia O’Keefe

 

„If you hear a voice within you saying, ‚You are not a painter‘, then by all means paint, boy, and that voice will be silenced.“

Vincent van Gogh

 

„If you ask me what I came to do in this world, I, an artist, will answer you: I am here to live out loud.“

Émile Zola

 

Kreativität kann man nicht aufbrauchen. Je mehr man sich ihrer bedient, desto mehr wächst sie.“

Maya Angelou

 

Creativity is the way I share my soul with the world.

Brene Brown

 

Your own reasons to make are reason enough. Create whatever causes a revolution in your heart.

Elizabeth Gilbert Big Magic

 

Welche Kunst schlummert in Dir und wartet darauf, dass Du sie in die Welt bringst?



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