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Weshalb Du Deine Berufung noch nicht gefunden hast

Weshalb Du Deine Berufung noch nicht gefunden hast

Manchmal beneide ich sie. Diese Menschen, die ihre Berufung kannten, kaum dass sie abgestillt waren und ihr so geradlinig folgen als wäre sie der Nordstern. Diese eine große Lebensaufgabe, die Berufung – gerne auch das „Warum“ genannt – ich hätte das gerne auch. Nicht so wie die kleinen Sternchen, die bei Dieter Bohlen vorsingen und mit zitterndem Stimmchen verkünden, dass sie einfach fürs Singen geboren seien. Eher so wie … Gandhi.

Die Spatzen pfeifen es ja auch längst von den Dächern. Heutzutage, da muss man einfach eine Berufung haben. Sonst hat man doch auch gar nicht so richtig gelebt, sonst hat ja auch gar nichts so richtig Sinn. Sagen tun das auch vor allem die, die ihre Berufung schon gefunden haben. Und ich denke ja dann auch: Jetzt, so mit 30, da könnte man sich und seine Berufung doch auch mal so langsam gefunden haben. Oder besser: Sollte. Denn die Uhr tickt ja.

Wenn Berufung zur Frust-Quelle wird

Was die „Berufenen“ lächelnd aus ihrer gefundenen Mitte herauspredigen – es wird für den ein oder anderen schnell zur Selbstzerfleischungsmaschinerie. Zum Beispiel für so jemanden wie mich. Ich würde ja gerne meiner Berufung folgen, ich möchte es wirklich. Wenn ich sie nur kennen würde. Und es ist nicht so, als hätte ich nicht nach ihr gesucht. Ich habe Berufungs-Bücher gelesen, Podcasts gehört, Online-Kurse gemacht und wenn man sich Berufung spritzen lassen könnte wie Botox, dann hätte ich zumindest darüber nachgedacht, auch das zu tun. Ich WILL ja. Aber alles, was ich finde, ist eine grobe Marschrichtung. Ich will schreiben, ja. Was Sinnvolles. Was Hilfreiches. Und was mit Menschen. Vielleicht was mit Reisen …

Ich folge keinem Nordstern, sondern einer undefinierbaren Spur aus Brotkrumen. Und ob am Ende der Krümelspur ein Happy End oder doch die böse Hexe wartet, das weiß ich auch nicht so recht.

Das Schlimme ist: Ich wäre ja vielleicht ganz zufrieden. Hätte mir die Berufungs-Fraktion nicht schon längst erfolgreich klar gemacht, dass mir ohne Berufung einfach etwas fehlt. Und wenn ich die „Berufenen“ so glücklich daher-podcasten höre, dann bin ich mir sicher, dass eine Berufung etwas Wunderbares sein muss. Langsam aber sicher kriecht mir dann eine widerliche Frage den Nacken hoch und flüstert mir ins Ohr: „Vielleicht gibt es überhaupt keine Berufung für Dich.“ So wie Heidi Klum, wenn sie kein Foto hat, nur mit weniger Quietschstimme.

Berufung – Gibts das nur für die Auserwählten?

Neulich führte mich einer meiner Brotkrumen auf dem Weg in die Gesellschaft einer inspirierenden Frau auf einem Woman’s Circle, den ich besucht habe (ausgerichtet von der bezaubernden und ebenfalls höchstinspirierenden Noemi von She is all Smiles). Sie saß vor mir, erfolgreiche Yoga-Lehrerin die sie war und gab mir einen Tipp (ein weiterer Brotkrümel!): „Schau Dir unbedingt „The Flight of the Hummingbird“ von Elizabeth Gilbert an. Das ist für Dich!“

Elizabeth Gilbert – das muss man mir nicht zwei Mal sagen. Ich verehre diese Frau! Kaum war ich zu Hause, befolgte ich den guten Rat und hatte ein Erlebnis, das an dieses „Berufungs-Erlebnis“ bestimmt heranreicht. (Falls Du „The Flight of the Hummingbird“ noch nicht kennst und Dich vielleicht ebenfalls mit dieser Berufungs-Thematik herumquälst – schau Dir das unbedingt an!)

Elizabeth Gilbert erzählt in ihrer Rede nämlich von einer Kritik, die sie nach einer – wie sie glaubte – inspirierenden Rede kassieren musste. Eine Frau beschwerte sich, dass sie nach Gilberts Rede unendlich frustriert war. Weil sie einfach keine Berufung habe und sich deswegen unzulänglich fühle, wenn Elizabeth Gilbert mit strahlenden Augen von den Wonnen der Leidenschaft berichtet, die die wahre Berufung vermeintlich mit sich bringt. Die große Elizabeth Gilbert dachte lange über dieses Problem nach – und kam einer wichtigen Sache auf die Spur.

Es gibt zwei Berufungs-Typen

Laut Elizabeth Gilbert – und ich finde das durchaus einleuchtend – gibt es nämlich gar nicht nur die eine Art eine Berufung zu haben und zu finden. Die „Erleuchtungs-Art“. Die Art, von der uns immer wieder gepredigt wird. Die Sorte Berufung, die man hat und auf die man geradewegs zumarschiert. Diese Berufung, für die man so richtig brennen muss vor Leidenschaft, bevor man sie erreicht. Gilbert nennt diese Art Menschen „Presslufthämmer“. Sie folgen ihrer Bestimmung, komme was da wolle. Sie brennen für die Sache und das Wort „Leidenschaft“ gehört in die Hitliste ihres Wortschatzes und der Eigenschaften, die sie auszeichnen. In unsere Gesellschaft passt dieses Berufungs-Schema ganz gut. Geradlinigkeit, Zielstrebigkeit, Leidenschaft! Das könnte man ohne Probleme in seinen Lebenslauf schreiben.

Doch es gibt auch noch eine andere Sorte. Weniger laut, weniger stringent. Gilbert nennt diese Menschen „Kolibris“. Ihre Bestimmung haben sie nicht so klar vor Augen wie die Zielflagge bei einem Autorennen. Sie bringen ihre Leidenschaft nicht zum Siedepunkt, um dann mit den Reifen zu quietschen und loszurennen. Nicht, weil sie nichts unter der Haube hätten. Ihr Motor funktioniert nur anders. Ihr Antrieb ist nicht die Leidenschaft, sondern die Neugier. Wie Kolibris flattern sie von Blüte zu Blüte, schnuppern dort hier und dort hinein und fliegen weiter. Diese Kolibris sind getragen und getrieben von ihren Interessen, die auch mal schnell wechseln können. Kolibris gelten als sprunghaft und oft werden sie mit dem Vorurteil konfrontiert „nichts so richtig“ zu machen. Manchmal fühlen sie sich deswegen schlecht. Doch das müssten sie eigentlich gar nicht.

Wie wäre es mal mit mehr Neugier statt Leidenschaft?

„Leidenschaft“ – in diesem Wort steckt unweigerlich auch das Wort „Leiden“. Leidenschaft kann ein ziemlich hartes Brot sein. Die Flamme will am Brennen gehalten werden. Wer an Leidenschaft denkt, der denkt oft auch „Feuer“ mit. Die leidenschaftliche Rede, die leidenschaftliche Liebe – Leidenschaft ist der Tanz auf dem Vulkan, das Spiel mit dem Feuer. Leidenschaft kostet auch Kraft.

Kolibris neigen nicht unbedingt dazu, immer „all in“ zu gehen. Sie testen aus, interessieren sich für viele Dinge – manchmal lang, manchmal kurz – und gehen zum nächsten, wenn das Interesse verebbt, die Neugier gestillt ist. Wenn ich in meinem Leben so zurückdenke, dann bin ich definitiv ein Kolibri. Ich habe mich von einer Freundin in einem neonfarbenen Stachelhalsband auf ein Hardcore-Techno-Event mitnehmen lassen (O-Ton: „man kann es sich ja mal anschauen“) – nicht mein Fall. Ich habe in die Cosplay-Szene reingeschnuppert. Seither kann ich ein bisschen nähen. Und mit zehn Jahren war ich mit einer Freundin in Reiterferien ohne überhaupt auch nur ein Mal eine „Wendy“ gelesen zu haben. Resultat: Ein Mal vom Pferd gefallen und ein herzhafter Pferdebiss in die rechte Wade. Irgendwann probierte ich Yoga aus – und es wurde eine feste Größe in meinem Leben. Manche Dinge bleiben hängen, andere verwerfe ich wieder. Ich habe mich oft dafür verurteilt und habe mir gesagt, man müsse doch durchziehen, was man anfängt. Aber warum sollte man, wenn das Interesse erlischt und man zu dem Schluss kommt, dass es „einfach nicht meins“ ist. Das Leben von Kolibris ist oft sehr bunt und man sucht manchmal vergeblich einen „roten Faden“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und es für oberflächlich hält. Kolibris gehen durchaus in die Tiefe – aber nur wenn das Herz dabei bleibt.

Während die Elizabeth-Gilbert-Menschen ihre Vision klar vor Augen haben und mit Leidenschaft auf sie zustürmen, Hindernisse aus dem Weg räumen, wo sie sich stellen, da folgen Kolibris eben ihren Brotkrümeln. Auch wenn die Herangehensweisen und Wege verschieden sind – am Ende finden letztendlich beide (hoffentlich) ihre Berufung. Und wenn nicht, dann hatten sie doch hoffentlich Spaß auf ihrem Weg.

Mir hat es sehr viel Erleichterung gebracht, zu erfahren, dass ich offensichtlich ein „Kolibri“ bin – und das daran nichts falsch ist. Wie geht es Dir dabei?



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