Mut zum Schrägstrich: Wie Du wirst, was Du liebst

Mut zum Schrägstrich: Wie Du wirst, was Du liebst

Wenn man mich fragt, was „ich so mache“, dann antworte ich noch immer ganz selbstverständlich mit dem Titel meines „Brot-Jobs“. Dass ich einen Blog habe, verleugne ich meistens. Wenn mich jemand nach meinem Blog fragt, dann antworte ich oft: „Wir sind gerade so an dem Punkt, wo man sich allmählich mal traut drüber zu reden.“ Haha.

Es regt mich auf. Warum bin ich so?

Auch wenn ich darauf noch gar keine richtige Antwort weiß, weiß ich doch, was ich auf jeden Fall nicht bin. Nämlich: Allein mit diesem Problem.

Auf der Suche nach dem Sinn

Arbeiten, um Geld zu verdienen, um damit dann Auto, Eigenheim und den nächsten Urlaub an der Ostsee abzustottern, können sich immer weniger Menschen für sich vorstellen. Ich bin auch so ein Mensch. Wir möchten nicht nur irgendwie Geld verdienen, sondern wollen auch wissen, dass in dem, was wir tun, Sinn steckt. „Sinn“ ist natürlich ein großes Wort. Wenn ich da mal nur für mich spreche, dann meine ich damit: Das, was ich mit meinem Leben anfange, soll sich erstens in Einklang mit meinen „Gaben“ befinden. Ich will tun, was ich gut kann, weil ich das gerne mache. Ich möchte mich entfalten können, in dem, was ich so tue und das Gefühl von „hier bin ich richtig“ haben.  Zweitens soll das, was ich tue, auch einen Nutzen haben, der über mich hinaus geht. Meine Arbeit soll auch anderen bei etwas helfen oder ihnen nützlich sein. Ganz groß gedacht, soll es sogar „der Welt“ nutzen. Es soll auf jeden Fall, etwas Gutes dabei herauskommen. Das sind meine Ansprüche an das, „was ich tue“ und wahrscheinlich auch die Ansprüche von immer mehr Menschen an das, womit sie ihr Leben so verbringen. Um mal einen plakativen Begriff ins Feld zu führen: Wir reden ja hier gerne von „Herzenswünschen“ oder „Herzensdingen“. Das Herz muss dabei sein, dann fühlt es sich stimmig an, dann sehen wir Sinn.

Ein Problem bei der Sache ist aber noch, dass das, was die Gesellschaft nach wie vor als „sinnvoll“ definiert, oft ganz was anderes ist als das, wonach unser Herz sich sehnt. Sinnvoll ist, was als „vernünftig“ gilt. Wer etwas nur aus Spaß an der Freude tut, wird schnell mal als „egoistisch“ abgestempelt. Du sollst Dich gefälligst abrackern und Deine Arbeit ertragen müssen, wie die anderen auch! Und wenn Du nicht ein bestimmtes Maß an Kohle scheffeln kannst mit Deinem Job, wird es immer jemanden geben, der mit den Augen rollt und Dich vielleicht sogar fragt, warum zum Teufel Du das eigentlich machst, anstatt die Karriereleiter raufzuklettern. „Geld verdienen“ ist gesellschaftlich gesehen immer noch mehr Wert als „Freude daran haben“.

Aber ehrlich gesagt, das muss nicht Dein Problem sein. Und nicht meines. Trotzdem ist es schwer, das einfach abzuschütteln. Wir sind ja schließlich so aufgewachsen und leben schon eine ganze Weile in dieser Welt. Daher gibt es sie zur Genüge in unseren Köpfen: Die Selbstzweifel. Alias: Was die Gesellschaft findet, was Du tun sollst.

Was Dich von Deinen „Herzensdingen“ abhält

Die Gesellschaft und Deine und meine Selbstzweifel vermischen sich schnell zu einem ekligen, elenden Brei. Zu einem klebrigen Morast, in dem Du nicht so richtig vorwärts kommst. Brené Brown nennt in ihrem Buch „Die Gaben der Unvollkommenheit“ solche Selbstzweifel „Gremlins“ und das trifft es ziemlich gut. Es sind letztendlich fiese kleine Viecher, die in den ungünstigsten Momenten aufkreuzen, um Dir das Leben schwer zu machen. Nur sind unsere Selbstzweifel oft besser getarnt, sodass wir in ihnen selten die Monster erkennen, die sie sind und sie mit guten Ratschlägen verwechseln, an die wir uns halten sollten.

Vielleicht ist Dir aufgefallen, dass ich es vermieden habe, von „Herzensjobs“ zu reden. Natürlich klingt es paradiesisch, seinen Lebensunterhalt mit einem „Herzensding“ zu verdienen. Jeder Tag ein einziges Freudenfest und am Abend klingelt sogar noch die Kasse. Das ist ideal – keine Frage. Viele machen es ja bereits vor, bringen den Mut auf, ihren (vermeintlich) sicheren Job zu schmeißen und sich auf ihre eigenen Füße zu stellen. (Das vermeintliche Happy End gibts dann auf Instagram mit Bildern von paradiesischen Stränden und so.) Es ist cool, das zu machen. Es ist noch cooler, wenn der Plan aufgeht. Der Trugschluss, den wir aber dabei oft für uns selber ziehen, ist:

1. Wenn ich damit nicht meinen Lebensunterhalt bestreiten kann, dann kann ich es auch gleich lassen.

Dass die, die diesen Weg gegangen sind, oft fröhlich „Wenn Du Dein ‚Warum‘ gefunden hast, geht alles wie von selbst“ in den Äther rufen, ist dabei nicht gerade hilfreich. Die Behauptung, das sei alles ganz einfach oder gehe sogar „wie von selbst“ macht es nur noch schlimmer. Natürlich geht nichts wie von selbst. Natürlich stecken harte Arbeit, Schweiß, Tränen und vor allem Niederlagen und Zweifel dahinter – und das manchmal dauerhaft. Selbstständigkeit ist ein hartes Brot, zumindest an Anfang, oft aber auch später noch. Die Behauptung, es sei einfach, von seinen „Herzensdingen“ zu leben, finde ich persönlich gefährlich. Wenn es zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist ein bisschen Skepsis nie verkehrt. Worauf ich aber eigentlich hinaus will: Du musst nicht davon leben können, um das zu tun, was für Dich Sinn macht. Wenn du’s kannst, cool. Aber es ist kein Grund etwas nicht zu tun, nur weil es nicht Deine Miete bezahlen kann.

Das andere, fiese Gedankenmonster ist:

2. Weil es mir selbst leicht fällt, ist es nichts wert

Mein Mann ist ein wirklich begnadeter Handwerker. Er kann nicht nur Dinge reparieren und in ihren „Urzustand“ zurückversetzen, er kann auch neue Dinge erschaffen und ist dabei sogar oft richtig kreativ. Er selbst ist aber der Überzeugung: Das ist doch nicht schwer. Das kann doch jeder. Wenn er sieht, dass jemand mit etwas Ähnlichem Geld verdient oder Bilder von seinen Stücken postet, ist er oft total entsetzt. „Wofür hält der sich? Das ist doch nix Besonderes?“ heißt es dann. Für jemanden wie mich, der mit Mühe und Not gerade mal einen Nagel halbwegs gerade in die Wand schlagen kann, ist das aber etwas Besonderes. Über „Schreiberlingen“ wie mir hängt dafür oft die dunkle Wolke namens „Schreiben kann doch jeder“. Das Preis-Dumping unter freien Textern ist eine der Ausgeburten dieses Gedankenmonsters. Meine eigene bescheidene Meinung dazu: Die Schreiberei ist denen nichts wert, die gut darin sind, weil es ihnen leicht fällt. Und so verkaufen sie sich und ihre „Gabe“ unterm Wert. Es sind aber nicht nur die Schreiberlinge und die Handwerker. Wir neigen einfach oft dazu, das gering zu schätzen, was uns leicht von der Hand geht. Weil die Gesellschaft uns eingeimpft hat: „Nur, wenn Du darunter leidest, ist es was wert“. Daher kommt auch die Auffassung, die wir oft unbewusst mitschleppen, dass Arbeit keinen Spaß machen darf. Als wären unsere Gehälter Reparationszahlungen für erduldetes Ungemach.

Aber selbst, wenn wir unsere Gaben schätzen können, dann hält uns immer noch oft etwas anderes davon ab, sie zur Entfaltung zu bringen:

3. Andere sind viel besser darin als ich, also sollte ich es lassen, um mich nicht zu blamieren

Ein weiterer Trugschluss, den wir gerne mit uns herumschleppen, ist die Annahme, dass wir der oder die Beste sein müssen in unserer Disziplin. Dieses „Berufungs-Ethos“, das die Leute zur Zeit umtreibt, tut dazu sein Übriges. Wenn wir glauben, das Universum hätte uns zu dieser einen Sache berufen und wir wären sozusagen kosmische Auserwählte mit einer heiligen Mission – tja, dann, ist das eine ganz schön große Anspruchshaltung. Im Film rettet der oder die Auserwählte schließlich oft mindestens die Welt. Meistens wird sie oder er berühmt. Es gibt eine Fan-Riege, die ehrfurchtsvoll gen Himmel blickt, wenn Superman vorbeifliegt. Und leider erliegen wir diesem „Größenwahn“ nur allzu oft. Bleibt die Berühmtheit, was wir oft als „Erfolg“ missdeuten, bleiben die Fans und bleiben die singenden Engelschöre aus, dann glauben wir, wir wären da falsch auf unserer „Mission“. Das könne nicht unsere „Berufung“ sein und wir sollten es lassen und lieber mit den anderen Nicht-Auserwählten weiter Pixel schubsen, acht Stunden am Tag, gegen Geld. Mit Verlaub: Das ist natürlich Blödsinn. Eines meiner Lieblingszitate ist vom US-Schriftsteller Henry van Dyke, der sagte:

Nutze die Talente die Du hast! Die Wälder wären still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.

Und nebenbei erwähnt: Du kannst eigentlich nur gewinnen. Luisa und ich haben oft schon mit unserem Blog gehadert. So viel Zeit und Energie stecken wir hier rein, obwohl wir bislang 0,0 Euro damit verdienen. Und wie langsam sich die Leserzahlen entwickeln! Die Reichweite! Himmel, was sind wir doch Versagerinnen! Aber macht es uns etwa keinen Spaß? Doch, schon. Was wäre also die Alternative? Nicht mehr bloggen, obwohl wir es lieben? Bullshit! Das Leben wäre doch immer noch um einiges langweiliger, eintöniger, trauriger, wenn wir den Blog nicht hätten.

Deswegen:

Mut zum Schrägstrich!

Wenn uns jemand fragt „Was machst Du so“, dann gibt es natürlich die sozialverträgliche Antwort. Wir antworten mit der Jobbezeichnung des Berufs, mit dem wir unsere Miete zahlen, dem Brotjob. Das ist ungefährlich, die meisten sind mit dieser Antwort zufrieden. Die „geheime Herzensbeschäftigung“ verschweigen wir oft, denn sie würde Fragen aufwerfen, damit würden wir uns angreifbar machen.

„Ich bin Redakteurin und Bloggerin“

„Ah, worüber bloggst Du denn?“

„Persönlichkeitsentwicklung.“

„Ah, ok und was ist das, was macht man da genau?“

Irgendwann käme dann vielleicht die Frage, ob man damit „was verdient“ oder ähnliches. Viele Menschen können noch nicht ganz begreifen, warum man so viel Zeit und Herzblut in etwas steckt, was sich letztendlich nicht in Kohle ummünzen lässt. Das ist ok, wenn es sich in deren Kopf so abspielt. Es muss nicht bedeuten, dass das die Wahrheit ist und dass das vor allem für Dich so sein muss. Denn erst, wenn wir uns wenigstens trauen, es auszusprechen, wird es wahr.

Ich. Bin. Bloggerin.

Die Tatsache, dass ich einen Blog führe, macht mich dazu. Ich liebe es und darum tue ich es. Ich bin Bloggerin.

Vielleicht bist Du Juwelierin und machst Schmuck selber. Vielleicht bist Du Künstler und malst Bilder oder bastelst cooles Zeug aus Müll oder aus Holz oder bist Bildhauer, Töpfer, Schauspieler. Vielleicht bist du Automechaniker, weil Du in Deiner Freizeit eben gerne an Autos schraubst. Möglicherweise bist Du Gärtner, Dekorateurin, Bienenzüchter!

OBWOHL Du im „hauptberuflich“ Versicherungsvertreter, Buchhalterin, Chef*in eines Multimilliardenunternehmens oder Reinigungskraft bist und damit hauptsächlich Geld verdienst. Es ist egal.

Sei Blogger, sei Künstler, sei Imker, sei, was immer Du gerne machst und traue Dich, es laut zu sagen.

Du bist es, weil Du es tust und weil Du es liebst.

Mehr braucht es dazu nicht.

Also:

„Hey! Ich bin Christina, Redakteurin / Bloggerin. Und Du?“

 

Instagram Project Mindpower


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